Logo

Gender und Schuhe


Wenn Gender nicht egal ist

Bild "Leseecke/Theorie:lotosschuhe.jpg"Transpersonen ist Gender ungeheuer wichtig. Es ist für sie enorm wichtig, ob sie mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen werden und ob sie einen Anzug oder ein Kleid tragen.
Menschen, die mit dem ihnen zugewiesenen Gender glücklich sind, können nicht leicht verstehen, warum das so wichtig ist.
Für Trans-Personen gibt es jedoch kein wichtigeres Thema als die Frage, welches Geschlecht bzw welches Gender sie haben. Dieses Thema ist für sie ab dem Moment, wo es ihnen selbst bewusst geworden ist, dauerhaft präsent. Es überlagert alles. Es ist das wichtigste Thema der Welt.
Uns ist Gender selbst dann wichtig, wenn es blödsinnig erscheinen mag. Wir nutzen jede Gelegenheit um uns zu gendern. Es ist manchmal schon seltsam, wie wir fast zwanghaft Klischees bedienen. Doch in unserer Situation ist das folgerichtig, denn es befreit uns von der Gefahr, dass die falschen Klischees auf uns projiziert werden. Die, die einen dauernden Druck auf uns erzeugen, weil sie schon gar nicht zu uns passen.

Die fehlende Selbstverständlichkeit

Üblicherweise sind Geschlecht und Gender Selbstverständlichkeiten. Weder haben Menschen Irritationen darüber, ob sie ein Mann oder eine Frau sind, noch werden sie von anderen Menschen nach eigenem Empfinden falsch eingeordnet. Sie werden praktisch immer so wahrgenommen, wie sie sich selbst sehen. Alles, was sie erleben entspricht ihrem inneren Empfinden und meist auch ihren Erwartungen. Deshalb spielt Gender im Alltag der meisten Menschen nur selten eine Rolle. Sie reagieren sogar verblüfft, wenn es doch einmal eine Rolle spielt.
Bei Trans-Personen ist das anders! Für sie ist Gender nichts Selbstverständliches, sondern etwas, das sie zu ständigen Auseinandersetzungen mit sich selbst und mit der Umwelt nötigt. Folglich ist für Transpersonen Gender nicht nur extrem wichtig, sondern es spielt selbst an Stellen eine Rolle, wo andere es nicht nachvollziehen können.
Für mich macht es auf jeden Fall einen großen Unterschied, in welcher sozialen Rolle ich auf einer Party bin. Auch dann, wenn es den anderen egal zu sein scheint. Vielleicht gerade dann. Jedenfalls, wenn ich im Gender meiner Identität unterwegs bin.
Da kann es dann sogar relevant sein, ob ich beim Frühstück eine Jogginghose oder eine Leggings anhabe.

Man bemerkt nur, was kratzt, juckt, zwickt, drückt oder schmerzt.

Im Alltag, wenn alles so ist, wie es sein sollte, dann empfinden wir Menschen … NICHTS! Erst, wenn uns etwas fehlt oder etwas falsch ist, dann melden sich diese Defizite über immer stärker werdende Bedürfnisse.
Wenn also das Gender und der Körper zu einem passen, dann merkt man weder vom Körper noch vom Gender etwas. Während umgekehrt eine unpassende Genderzuschreibung mit der Notwendigkeit diese Rolle auch noch darstellen zu müssen, sowie ein unpassender Körper ein dauerhaftes Unwohlsein vermitteln, das sich nicht ignorieren lässt.
Dazu gibt es eine sehr treffende Formulierung von Caitlyn Jenner: „The uncomfortableness of being me never leaves me all day long.“
Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für einen republikanischen Amerikaner, einen Sporthelden, ein Idol der Männlichkeit gewesen sein muss. Eine Unkomfortabilität, ein Unbehagen das einfach nicht weggehen will, dauerhaft da ist und so lästig und beeinträchtigend ist, dass man es nicht dauerhaft ignorieren kann. Dem man schließlich trotz allen Willens sich zu schinden (und davon haben Leistungssportler zwangsläufig eine Menge) nachgeben muss, selbst wenn man dafür als öffentliche Person einen hohen Preis zu zahlen hat.
Es ist gar nicht so leicht dieses beständige Unbehagen, das Transgender empfinden, nachzuvollziehen, wenn man selbst zu der großen Mehrheit der Personen gehört, deren Körper und soziale Geschlechtsrolle für sie selbst passend sind.
Tatsächlich sind ein unpassendes Gender und ein nicht zum eigenen Empfinden passender Körper für uns eine dauerhafte Qual.

Gender ist wie Schuhe!

Das ist wie mit Schuhen. Wenn sie bequem sind und für den Zweck tauglich, dann verschwende ich keinen Gedanken an sie. Ich bemerke nicht einmal, dass sie da sind. Aber wehe sie sind ungeeignet! Oder noch schlimmer sie passen nicht richtig, drücken und verursachen Blasen. Dann wird aus einer anfänglichen Unbequemlichkeit sehr schnell ein dauerhafter, nicht zu verdrängender Schmerz, der erst dann vergeht, wenn ich die Schuhe von den Füßen bekomme.

Wir fühlen deutlich, dass wir die falschen Schuhe bekommen haben. Daran ändert sich auch dadurch nichts, dass uns alle und immer sagen, dass die Schuhe, die sie uns gegeben haben, passen! Denn wir können deutlich fühlen, dass das nicht so ist. Wir hatten im Zweifel nie ein Leben, das nicht zwickt oder drückt. Wir mussten uns immer bücken und versuchen das Gender auszuhalten, das uns zugewiesen wurde. Daran kann man sich nicht gewöhnen. Das wird immer schlimmer. Ein drückender Schuh wird nicht dadurch angenehmer, dass man nie einen passenden anhatte.

Lotosfuß

Das Bild von den unpassenden Schuhen trägt sogar noch ein Stückchen weiter.
Von den Lotosfüßen der Chinesinnen wissen wir, dass man die Füße den Schuhen anpassen kann. Das versuchen wir  auch, denn wir wissen ja selbst, wie wir sein sollten. Und die meisten von uns finden den Anspruch der Gesellschaft legitim und richtig. Doch diese Anpassung geht nicht ohne Gewalt und ohne Schäden.
Das Modell von Gender in unserer Gesellschaft, bei dem das Gender zwangsläufig aus den Genitalien abgeleitet wird, ist für die Masse der Menschen ein bequemes Bett, in dem sie gut schlafen können. Für uns Transgender ist es das „Bett des Prokrustes“, also ein Schema, in das wir gezwungen werden, obwohl wir dort eigentlich nicht hineinpassen. Die Gesellschaft verlangt von uns, dass wir in das Gender passen müssen, nach dem unser Körper aussieht. Leider passt es uns nicht.

Das richtige Gender als Befreiung

Die Freude, von der Transpersonen berichten, wenn sie endlich ganz oder zumindest für einige Zeit die Person sein können, als die sie sich empfinden, lässt sich so erklären. Es ist nicht primär die Freude etwas zu haben. Es ist vielmehr die Freude über die Abwesenheit einer dauerhaften Unannehmlichkeit.
Das berichten viele Transgender nach ihrer Transition: die verblüffende Menge von Energie, die plötzlich da ist, wenn man sich nicht mehr an sich selbst reiben muss.
Wenn du also verstehen möchtest, wie sich eine Transperson fühlt, wenn du wissen willst, warum ihr Gender so unglaublich wichtig ist und warum sie so verärgert reagiert, bloß weil du das in ihren Augen falsche Pronomen oder den falschen Namen verwendet hast, dann stelle dir einfach vor, du wärst gerade gezwungen gewesen, mit einer Blase an der Ferse lange durch die Stadt zu laufen und nun würde dir jemand sagen, du müsstest noch zwei Kilometer weiter.

Querbezüge


© Jula Böge 2017